Der Darm, das zweite Gehirn

Gehirn denkt, Darm lenkt

Ich lebte über 30 Jahre mit Morbus Crohn.  Heute lebe ich befreit und beschwerdefrei, ohne Medikamente und ohne speziell auf die Ernährung zu achten. 

Was ich dabei über den Darm gelernt habe, wird jetzt auch von der Wissenschaft erkannt. Geahnt respektive erfahren, habe  ich es schon lange. Der Sitz der Gefühle liegt im Zentrum des Körpers. Dort, wo Aufregung „Schmetterlinge flattern“ lässt oder wo Ärger „auf den Magen schlägt“. Der Bauch mit seinem ausgeklügelten Verdauungssystem, seinem unappetitlichen Inhalt und den eher peinlichen Bekundungen seiner Existenz ist unser zweites Gehirn. 

Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass das Hirn ist mit dem Darm verbunden ist. Zum einen durch das vegetative Nervensystem: Der Sympathikus-Nerv reagiert bei Stress, da geht die Information von oben nach unten und kann dem Darm sagen: «Hör mal auf zu arbeiten». Zum anderen durch den Vagus-Nerv, der die Darmaktivität fördern kann. Zusätzlich kann das Hirn auch Stresshormone ausschütten, sodass das Darm ruhiggestellt wird. 

Der biologische Sinn, wenn jemand bei Stress oder Angst auch «Schiss» hat, ist folgender: 

Wenn zum Beispiel ein Tiger daherkommt, müssen wir fliehen oder kämpfen. Und um das zu können, muss der Körper Ballast abwerfen, das Blut umverteilen, alles muss in die Muskeln, in das Hirn, in die Sinnesorgane, aber nicht in den Darm. 

Ich habe auf Grund meiner Darmgeschichte bemerkt, dass der Darm (Bauch Hirn) einen grossen Einfluss auf das Gehirn (Kopf Hirn) hat. Ich würde schon fast behaupten, dass er das SAGEN im Körper hat und auch die Psyche extrem Beeinflusst.   

Die Informationen, die über den Vagus-Nerv ausgetauscht werden, laufen zu mehr als 80 Prozent von Bauch in den Kopf. Das Kopf Hirn hat ein Hormon, mit dem es den Darm steuern kann, der Darm aber hat etwa 30 Hormone, um das Hirn zu beeinflussen. 80 Prozent des Immunsystems sind um den Darm gelagert. Der Darm hat also das Sagen. Das Kopf Hirn kann das Bauch Hirn etwas bremsen, aber sonst regiert der Darm und der extrem reichhaltig. 

Am Anfang war der Darm

Meers-Polypen, sind im Grunde genommen wie kleine Darmstücke ebenso ist der Regenwurm im Wesentlichen auch ein Darm. Drumherum sind, wie ein Netz, Nerven gewickelt. In der Evolution hat sich das Nervensystem weiterentwickelt. Beim Wurm zum Beispiel bildeten sich vorne am Anfang des Darmrohrs mehr Nervenzellen. Damit er spüren kann, was gute Nahrung ist, wo er sie findet. Daraus entwickelten sich immer mehr Nervenzellen. irgendwann nennt man das Ganglion, irgendwann ist das eine riesige Ansammlung von Nervenzellen, ein Gehirn. 

Dafür gibt es in der Embryologie sehr gute Hinweise. Auch beim menschlichen Embryo entwickelt sich das Neuralrohr, aus dem später das Hirn entsteht, und das Darmrohr parallel. 

Am Anfang war der Darm
Darmbaktieren

Darmbakterien haben Einfluss auf die Persönlichkeit

Aktuell befasst sich eine revolutionäre Entwicklung in der Forschung mit den Darmbakterien. Hierzu gibt es ganz erstaunliche Experimente: Wenn man einer normalen Ratte die Darmbakterien einer übergewichtigen Ratte gibt, hat das normale Tier plötzlich mehr Appetit. Verrückt wird es mit der Psyche: Wenn man die Darmbakterien einer sehr ängstlichen Maus einer keimfreien Maus gibt, wird diese ebenfalls ängstlich. Wenn man die Bakterien einer sehr mutigen Maus überträgt, wird die zweite Maus ebenfalls mutig. Darmbakterien scheinen also einen wichtigen Einfluss auf die Persönlichkeit zu haben. 

Das Gehirn in unserem Bauch

Mögen die Eingeweide auch hässlich erscheinen und von Wissenschaft und Gesellschaft tabuisiert werden – sie sind umhüllt von mehr als 100 Millionen Nervenzellen und es sind mehr Neuronen, als im gesamten Rückenmark zu finden. Dieses „zweite Gehirn„, so haben Neurowissenschaftler herausgefunden, ist quasi ein Abbild des Kopfhirns – Zelltypen, Wirkstoffe und Rezeptoren sind exakt gleich. 

100 Millionen Nervenzellen umhüllen den menschlichen Verdauungstrakt. 

Das Gehirn in unserem Bauch

Was aber macht dieses zweite Gehirn? Denkt und fühlt es, erinnert es sich? 

Neueste Forschungen zeigen, dass psychische Prozesse und das Verdauungssystem weitaus inniger gekoppelt sind könnten, als man bisher gedacht hat. Das Bauch Hirn spielt eine große Rolle bei Freud und Leid, doch die wenigsten wussten überhaupt, dass es existiert 

Es ist die Schaltzentrale der Verdauungsmaschinerie, die nicht nur derbe Größen wie Nährstoffzusammensetzung, Salzgehalt und Wasseranteil analysiert und Absorptions- und Ausscheidungsmechanismen koordiniert. Sie kontrolliert auch die raffinierten Gleichgewichte von hemmenden und erregenden Nervenbotenstoffen, stimulierenden Hormonen und schützenden Sekreten. 

Im Laufe eines 75-jährigen Lebens wandern mehr als 30 Tonnen Nahrung und 50 000 Liter Flüssigkeit durch das Gedärm. „Das Herz ist dagegen eine primitive Pumpe“. Das Bauchhirn steuert den Durchsatz „hochintelligent“. Millionen von chemischen Substanzen müssen analysiert, Millionen von Giften und Gefahren gemeistert werden. 

Die Schaltzentrale im Bauch organisiert den Kampf gegen schlimmste Invasoren. Jene Mikroorganismen, die quasi symbiontisch mit uns zusammenleben und den so genannten Intestinal Trakt in millionenfacher Ausführung besiedeln, dürfen ebenso wenig in das Innere des Organismus gelangen wie jene, die wir jeden Tag in Unmengen schlucken. 

Der Darm, das größte Immunorgan im Körper, in dem mehr als 70 Prozent aller Abwehrzellen sitzen. Sein Inhalt, ein warmes Gebräu aus Dung, Schleim und fermentierenden Bazillen – ein gefährliches Bakterien- und Pilzparadies. Wir werden von rund 500 Spezies potenziell tödlicher Lebewesen bewohnt. Die Hälfte des Kots besteht aus abgestorbenen Bakterien. Fern gehalten durch die Darmwände, der effektivsten Verteidigungslinie des Organismus. Eine große Zahl von Abwehrzellen ist dort direkt mit dem Bauchhirn verbunden. Sie lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die Information wird gespeichert und bei Bedarf abgerufen. 

Vieles läuft völlig autonom vom Kopf ab. Gelangen allerdings Gifte in den Körper, „fühlt“ das Bauchhirn die Gefahr zuerst und schickt sofort Alarmsignale ins Oberstübchen. Denn in Notsituationen soll das Gehirn im Schädel bereit sein, der Mensch sich seines Bauch Hirns bewusst werden und sich nach Plan verhalten – Erbrechen, Krämpfe, Entleerung. 

Um den Transport über die große Strecke zu ermöglichen, werden mehrere hemmende und aktivierende Schaltkreise – nur wenige Millimeter lang und wie die Perlen einer Kette aufgereiht – nacheinander angeregt. Das „kleine Hirn“ ist verantwortlich für ein hochsensibles, fein austariertes Gleichgewicht: Wird das hemmende System zu stark, entspannt der Darm so sehr, dass er gelähmt wird; chronische Verstopfung ist die Folge. Ist dagegen das „erregende System“ zu stark, erfolgt ein beschleunigter Transport. Durchfall.

Der Bauch fühlt

Das Bauch Hirn fühlt

Je tiefer im Verdauungstrakt, umso schwächer die Herrschaft des Kopfhirns. Mund, Teile der Speiseröhre und Magen lassen sich temporär noch etwas von oben sagen. Doch hinter dem Magenausgang übernimmt ein anderes Organ die Regie: Was wann, wo dort passiert, entscheidet das Bauchhirn. Erst am allerletzten Ende, am Rektum und Anus, regiert das menschliche Gehirn mit bewusster Steuerung wieder mit. 

Das Bauch Hirn hat also Macht. Es kann die Daten seiner Sensoren selbst generieren und verarbeiten, und es kontrolliert ein Set von Reaktionen. 

Der Bauch sagt dem Kopf, was los ist - und lässt sich umgekehrt vom Kopf nur wenig sagen.

Das Bauch Hirn entwickelt seine eigenen „Neurosen“ und noch viel mehr. Erst vor kurzem stellten Forscher fest, dass weitaus mehr Nervenstränge vom Bauch in das Gehirn führen als umgekehrt: 90 Prozent der Verbindungen verlaufen von unten nach oben. Warum? „Weil sie wichtiger sind als die von oben nach unten“ 

Die meisten Botschaften vom Darm sind allgegenwärtig, wir nehmen sie nur nicht bewusst wahr – außer den Alarmzeichen wie Übelkeit, Erbrechen oder Schmerzen. Aber die ungeheure Fülle der unbewussten Signale vom Bauch zum Hirn ist voller biologischer Bedeutung. 

„Little Brain“ speist „Big Brain“ mit einer Flut von Informationen.  

 

Das Bauch Hirn lernt jung am besten. Denn wie das Kopf Hirn reift es nach der Geburt weiter; es ist für mindestens drei Jahre plastisch und entwickelt sich. Frühe „Erfahrungen“ des Darms können so die „Persönlichkeit“ beider Gehirne beeinflussen. Exzessive oder langanhaltende Furcht hinterlässt Spuren nicht nur im Kopf, sondern auch im Intestinal Trakt. 

Jedes Mal, wenn der Mensch eine Entscheidung in einer ähnlichen Situation fällen muss, basiert diese nicht nur auf intellektuellen Kalkulationen, sondern wird massiv von jenen unbewussten Informationen aus dem gigantischen Katalog von gespeicherten Emotionen und Körperreaktionen mitgeprägt, eben den „gut Feelings“.  

Den ganzen Tag erzählt der Bauch dem Kopf Geschichten. Er kreiert das „emotionale Profil“. Jede Minute des Lebens wird im Gehirn ein „Gefühlsbett“ bereitet – auch für die Nacht, wie Studien nahe legen, in der sich das ständige Bombardement durch die Träume entlädt. Erzeugt das Bauch Hirn während der Tiefschlafphasen eher sanfte rhythmische Wellenbewegungen, beginnen die Innereien während der traumreichen REM-Phasen des Schlafes aufgeregt zu zucken. Die intensive Stimulierung der Eingeweide und ihrer Serotoninzellen erfolgt parallel zu den nächtlichen Bildern im Kopf. Und,  Viele IBS-Patienten klagen über Schlafstörungen. 

Darm

Träumt der Darm etwa mit? Hat man nach einem schweren, schlechten Essen nicht auch schlechte Träume?

Tag und Nacht nutzen Menschen diese verborgenen Speicher – ohne es wahrzunehmen. Die Chiffren des Bauches steigen nur dann aus dem dunklen Gewässer des Unbewussten, wenn sie künstlich verstärkt werden – eben durch chronischen Stress. Der macht Menschen sensitiver, er lässt sie plötzlich wahrnehmen, dass Darm und Seele durcheinander sind. „Es hat seinen biologischen Sinn, dass sehr starke Gefühle ins Bewusstsein dringen. Je besser Menschen Angst erinnern, umso besser können sie das nächste Mal entscheiden. 

Unsere Evolution sei deshalb so erfolgreich, weil Emotionen – ob negativ oder positiv – uns erlauben, bessere Entscheidungen zu treffen. Je stärker die emotionale Erfahrung, um so bessere „somatische Marker“ aus der Vergangenheit können wir zu Rate ziehen. 

Und desto schneller merken wir: HIER GEHT’S LANG

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